Die Bush-Doktrin
BBC ñ Interview
von Noam Chomsky und Jeremy Paxman
BBC News / ZNet 21.05.2004

Wenn George Bush nach den Normen der N¸rnberger Kriegsverbrecherprozesse gerichtet w¸rde, k”me er an den Strang. Das gilt nat¸rlich auch f¸r jeden anderen amerikanischen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs, Jimmy Carter eingeschlossen. Dieser Satz stammt von dem amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Sein j¸ngster Angriff auf die Art und Weise, wie sich sein Land in der Welt verh”lt, lautet: Hegemony or Survival, Americaís Quest for Global Dominance [dt. Titel: ÑHybrisì]. Jeremy Paxman traf ihn im Britischen Museum, wo die beiden sich in den Assyrischen Galerien miteinander unterhielten. Paxman er–ffnete mit der Frage danach ob Chomsky andeuten wolle, dass an der sogenannten Bush-Doktrin nichts Neues ist.
Nun, das kommt darauf an. Sie wird allgemein f¸r revolution”r erachtet. Henry Kissinger, zum Beispiel, hat sie als revolution”r neue Doktrin bezeichnet, welche den Westf”lischen Frieden, das System internationaler Ordnung aus dem 17. Jahrhundert, in St¸cke reiþt. Ebenso nat¸rlich die UN-Charta. Dennoch wird sie von breiten Kreisen der auþenpolitischen Elite kritisiert. Aber genaugenommen ist die Doktrin nicht wirklich neu ñ sie ist extrem.
Wie h”tten die Vereinigten Staaten sich nach dem 9. September verhalten sollen? Sie waren das Opfer eines grotesken, vors”tzlichen Angriffs geworden. Was h”tten sie unternehmen sollen, auþer dem Versuch...
Weshalb nehmen sie den 11. September? Warum nicht 1993. Die Tatsache, dass der Terroranschlag am 11. September Erfolg hatte, f¸hrte zu keiner Ver”nderung in der Einsch”tzung der Sicherheitslage. 1993 gelang es ”hnlichen Gruppen, ausgebildeten Jihadis, beinahe das World Trade Center in die Luft zu jagen. Mit etwas besserer Planung h”tten sie wahrscheinlich zehntausende Menschen get–tet. Seither wusste man, dass man konkret mit so etwas rechnen muss. W”hrend der 90er Jahre entstanden zahlreiche Papiere, die so etwas voraussagten, und wir wissen wie man reagiert. Man bedient sich der Polizeiarbeit. Mit Polizeiarbeit verhindert man Terroranschl”ge, damit hatte man in der Vergangenheit Erfolg.
Aber sie sagen, dass die USA ihr eigenes Strafgericht heraufbeschworen haben.
Nun, zuerst einmal, diese Meinung stammt nicht von mir. Es ist die Ansicht von so ziemlich jedem Spezialisten f¸r Terrorismus. Schauen sie sich etwa Jason Burkeís k¸rzlich erschienenes Buch ¸ber Al-Qaeda an, das ist wohl das beste Buch zum Thema. Er arbeitet die Chronologie der Ereignisse ab und zeigt, wie jeder Akt milit”rischer Gewalt die Rekrutierung, die Finanzierung und die Mobilisierung verst”rkt hat. Er sagt, und ich zitiere ihn, dass jede Gewaltanwendung einen kleinen Sieg f¸r Bin Laden darstellt.
Aber warum verh”lt sich George Bush ihrer Meinung nach so?
Weil ich denke, dass Terrorismus ihm nicht viel bedeutet, soviel wissen wir sogar. Nehmen wir zum Beispiel die Invasion des Irak. So ziemlich jeder Spezialist der Nachrichtendienste hatte vorausgesagt, dass die Invasion des Irak die Gefahr von Terroraktionen der Marke Al-Qaeda vergr–þern w¸rde, und genau dieser Fall ist eingetreten. Es geht darum, dass...
Warum also w¸rde er so verfahren?
Weil die Besetzung des Irak einen Wert an sich darstellt, Ich meine die Errichtung...
Welchen Wert genau?
Die Errichtung der ersten gesicherten Milit”rbasis in einem abh”ngigen Vasallenstaat im Herzen der Energieproduzierenden Region.
Denken sie nicht einmal, dass die Menschen im Irak nun besser dran sind, da sie den Diktator los sind?
Sie sind zwei brutalen Herrschaftssystemen entkommen; einem, ¸ber das wir sprechen sollen und einem, ¸ber das wir nicht sprechen sollen. Diese beiden Systeme waren zum einen das von Saddam Hussein und zum anderen die Sanktionen der USA und Groþbritanniens, welche die Gesellschaft zerr¸ttet, hunderttausende Leben gekostet und die Menschen dazu gezwungen haben, sich auf Saddam Hussein zu verlassen. Nun, die Sanktionen h”tten sich gegen Waffenlieferungen richten k–nnen, statt die Gesellschaft auch ohne Invasion zu zerst–ren. Wenn dies geschehen w”re, so ist es alles andere als undenkbar, dass die Bev–lkerung des Irak Saddam Hussein das gleiche Schicksal bereitet h”tten, das andere von den USA und Groþbritannien gest¸tzte Monster ereilt hat. Ceausescu, Suharto, Duvalier, Marcos, die Liste ist lang. Die westlichen Experten, die den Irak am besten kennen, haben dies in der Tat die ganze Zeit vorausgesagt.
Sie scheinen sagen zu wollen, oder zu implizieren, vielleicht bin ich da ihnen gegen¸ber nicht ganz fair, aber sie scheinen implizieren zu wollen dass demokratisch gew”hlte Staatsh”upter wie George Bush oder Premierminister wie Tony Blair sich direkt mit Regimes wie dem im Irak vergleichen lassen.
Der Begriff der moralischen Gleichwertigkeit [moral equivalence] ist sehr interessant. Erfunden wurde er, soweit ich weiþ, von Jeane Kirpatrick ñ als Mittel um Kritik an der Auþenpolitik und den Entscheidungen eines Staates zu verhindern. Der Begriff ist bedeutungsleer, es gibt absolut keine moralische Gleichwertigkeit.
Wenn es f¸r ein Individuum von Vorteil ist in einer freiheitlichen Demokratie zu leben, l”sst sich dann durch das Verbreiten demokratischer Werte Besserung erzielen, ganz gleich mit welchen Methoden?
Das erinnert mich an die Frage, die man einst Ghandi ¸ber die Zivilisation des Westens gestellt hat, was er davon halte. Er antwortete: Ja, man sollte es dort ruhig mal damit versuchen. Nat¸rlich w”re es gut, freiheitliche demokratische Ideale zu verbreiten. Aber das ist es nicht, worum die USA oder Groþbritannien sich bem¸hen. Sie haben es in der Vergangenheit nicht getan. Sehen sie sich die Regionen unter deren Kontrolle an. Sie verbreiten keine freiheitliche Demokratie. Sie verbreiten Abh”ngigkeit und Unterwerfung. Auþerdem ist es wohl bekannt, das diese Tatsache einen Hauptgrund f¸r den groþen Widerstand im Nahen Osten gegen die US-Politik bildet. Das war schon in den 50er Jahren bekannt.
Aber es gibt heute eine ganze Reihe von Staaten in Osteuropa die sagen w¸rden, dass es ihnen jetzt besser geht als unter der Herrschaft des Soviet-Reiches. Eine Konsequenz daraus, wie der Westen sich verhalten hat.
Ebenso gibt es viele Staaten im Einflussbereich der USA, in Mittelamerika oder der Karibik, die sich w¸nschen, sie k–nnten der amerikanischen Herrschaft entkommen. Wir schenken dem, was dort geschieht, nicht viel Beachtung, aber die Menschen dort tun es. W”hrend der 80er Jahre, als diejenigen, die derzeit an den Schaltstellen der Macht sitzen, in ihrer Reagan-Phase waren. In Mittelamerika wurden Hunderttausende abgeschlachtet. Die USA unternahmen einen massiven Terrorangriff auf Nicaragua, der haupts”chlich ein Krieg gegen die Kirche war. Sie ver¸bten ein Attentat auf einen Erzbischof und ermordeten sechs f¸hrende jesuitische Intellektuelle. Das war in El Salvador. Es war eine grauenvolle Episode. Was f¸r ein System haben sie dort errichtet? Waren es freiheitliche Demokratien? Nein.
Sie haben bei zwei oder drei Gelegenheiten die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Groþbritannien angesprochen. Verstehen sie, weshalb sich Tony Blair in der Afghanistan-Frage und beim Irak so verhalten hat?
Nun, wenn sie sich die Geschichte der britischen Diplomatie anschauen, damals w”hrend der 40er Jahre, damals musste Groþbritannien eine Entscheidung treffen. Britannien war die vorherrschende Weltmacht gewesen. Die Vereinigten Staaten waren zwar bei Weitem das wohlhabendste Land, agierten aber nur regional auf der Weltb¸hne. Sie waren kein Hauptdarsteller. Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde es offensichtlich, dass die USA die vorherrschende Macht sein w¸rden. Das war jedem klar. Die Briten mussten sich entscheiden. Wollten sie Teil eines Europas werden, dass sich wohlm–glich in Richtung Unabh”ngigkeit bewegt, oder wollte sie das werden, was das Foreign Office als Juniorpartner der Vereinigten Staaten beschreibt. Nun, sie haben sich im Grunde daf¸r entschieden, Juniorpartner der USA zu werden.
W”hrend der Kubakrise, zum Beispiel, behandelten sie Groþbritannien mit v–lliger Geringsch”tzung. Das k–nnen sie in den Dokumenten nachlesen, die jetzt aus der Geheimhaltung entlassen wurden. Groþbritanniens Existenz stand auf dem Spiel, und Harold McMillan wurde nicht einmal ¸ber die Vorg”nge informiert. Es war gef”hrlich. Ein hochrangiger Beamter, wahrscheinlich Dean Acheson, aber er wird nicht namentlich genannt, beschrieb Groþbritannien als ÑUnser Statthalter, vornehm ausgedr¸ckt: unser Partner.ì Nun, die Briten h–ren gerne den h–flichen Titel, aber die Herren verwenden den echten Titel. Das ist die Entscheidung, die Groþbritannien f”llen muss. Warum sich Blair so entschieden hat, kann ich nicht sagen.
Vielen Dank, Noam Chomsky.

[ Übersetzt von: Patrick Mueller | Orginalartikel: "Bush Doctrine" ]
[ mehr Artikel von Noam Chomsky und Jeremy Paxman | diesen Artikel im Forum kommentieren ]
[ druckversion | diesen Artikel an Freunde verschicken ]
[ mehr Artikel von Noam Chomsky und Jeremy Paxman | diesen Artikel im Forum kommentieren ]
[ druckversion | diesen Artikel an Freunde verschicken ]


