Nachhaltigkeit und Politik
Ein Interview mit Wes Jackson von "The Land Institute"
von Wes Jackson und Robert Jensen
ZNet 10.07.2003

Wes Jackson und seine Kollegen von "The Land Institute" arbeiten an einem 10.000 Jahre alten Problem -- Landwirtschaft. Nicht einfach Probleme bei der Landwirtschaft, sondern das Problem der Landwirtschaft an sich.
Das Grundproblem ist, dass bisher niemand geschafft hat, ein nachhaltiges System f¸r die Aufrechterhaltung der landwirtschaftlichen Produktivit”t zu entwickeln. Groþe Ertr”ge verschleiern das, was Jackson "den Misserfolg des Erfolgs" nennt: Die Produktion bleibt hoch, w”hrend die Gesundheit des Bodens immer weiter dramatisch abnimmt -- haupts”chlich aufgrund von Erosion und der Verschmutzung von Land und Wasser mit Chemikalien. Diese Art des Erfolgs garantiert den unvermeidlichen Zusammenbruch des Systems.
Die Landwirtschaft ist nicht das einzige System, mit dem wir leben, das nicht nachhaltig ist -- man denke nur an den Imperialismus und den Kapitalismus. Wie sind diese Systeme miteinander verbunden? Wie lange k–nnen solche Systeme weiterbestehen, bevor sie etwas Neuem Platz machen? K–nnen sie ersetzt werden, bevor sie den Planeten mit in den Untergang reiþen? Wer und was wird bis dahin leiden? Und, was k–nnen Bewegungen tun, um all das zu ”ndern? Jackson hat ein paar provokante Ideen zu diesen Fragen -- wenn er auch der erste sein wird, der zugibt, dass er keine endg¸ltigen Antworten hat.
Vor siebenundzwanzig Jahren gr¸ndete Jackson, damals Professor f¸r Umweltstudien an der Universit”t von Kalifornien in Sacramento mit Abschl¸ssen in Botanik und Genetik, gemeinsam mit anderen das "Land Institute", um langfristig eine L–sung f¸r das Problem Landwirtschaft zu finden, wobei sowohl die wissenschaftlichen als auch die kulturellen Aspekte genauer untersucht werden sollten. Das Ziel, so das Land Institute in seinem Programm, ist eine Landwirtschaft, die den Menschen, den Gemeinschaften und dem Land erlaubt, erfolgreich und nachhaltig zu funktionieren.
Die Studien ¸ber was sie "Natural Systems Agriculture" nennen, untersuchen M–glichkeiten, wie einj”hriges Monokulturgetreide (wie Mais und Weizen) durch mehrj”hriges Polykulturgetreide (das in Mischkultur angebaut wird) ersetzt werden kann. Bei dieser Art der Landwirtschaft wird versucht, die Natur nachzuahmen anstatt sie zu unterwerfen. Jackson weist darauf hin, dass ein nat¸rliches ÷kosystem wie etwa eine Steppe, wenn man es in Ruhe l”sst, Materialien recycelt, die eigene Fruchtbarkeit f–rdert, ausschlieþlich mit nat¸rlichem Licht funktioniert, und die Biodiversit”t erh–ht. Die Frage, die sich dabei stellt, ist, ob es m–glich ist, die Landwirtschaft so zu gestalten, dass sie den –kologischen Reichtum erh–ht anstatt ihn zu vermindern.
Jackson, zur Zeit Vorsitzender des Land Institute, hat mehrere B¸cher geschrieben, unter anderem "New Roots for Agriculture", "Altars of Unhewn Stone" und "Becoming Native to This Place". In seinen geschriebenen Texten und vielen Vortr”gen erkundet er die Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, Agronomie und ÷kologie, Kultur und Politik. Seine Reden sind eine lebendige Mischung aus verschiedenen Stilen -- Prediger vom Land, altmodischer M”rchenerz”hler, streng objektiver Wissenschaftler, und politischer Organisierer. Jackson spricht unverbl¸mt die Probleme von Kultur und Landwirtschaft an, aber er ist optimistisch ¸ber die M–glichkeiten, Ver”nderungen zu erwirken, und sein volkst¸mlicher Stil erlaubt ihm, ziemlich radikale Ideen auf eine Weise zu vermitteln, die nicht bedrohlich wirkt. Am Anfang meines Interviews mit ihm bat ich ihn um die Erkl”rung einiger Parolen aus seiner Rede beim Prairie Festival, dem j”hrlichen Fest des Land Institute, im Jahr 2001.
Robert Jensen: Bei der 25-Jahr-Feier gaben Sie drei Aphorismen zum Besten, die konventionelle politische Spr¸che auf den Kopf zu stellen scheinen: "Wenn wir das tun, was wir predigen, werden wir nie etwas erreichen," "Wir m¸ssen mehr Zeit damit verbringen, auf die einzureden, die bereits ¸berzeugt sind" und "Wir m¸ssen damit aufh–ren, den Leuten dort entgegen zu kommen, wo sie sind." Erkl”ren Sie bitte, was damit gemeint ist.
Wes Jackson: "Wenn das tun, was wir predigen, werden wir nie etwas erreichen," ist der einfachere Spruch. Schauen Sie, ich fliege mit D¸senflugzeugen. Ich fahre mit dem Auto. Mein Haushalt h”ngt am Stromnetz. Wir sind alle von der Ressourcen-ausbeutenden Wirtschaft abh”ngig. Wenn wir "das t”ten, was wir predigen" -- wenn wir wirklich die Beschr”nkungen eines selbsterhaltenden Systems ohne Zuhilfenahme von Kohle oder transportablem Fl¸ssigbrennstoff oder dem Gift der Atomenergie leben w¸rden -- h”tten wir Schwierigkeiten damit, uns in dieser Kultur Geh–r zu verschaffen.
Anders gesagt, es gibt kein Leben auþerhalb des Systems. Also denke ich, gibt es zwei Fragen, die wir uns ¸ber Unterfangen stellen sollten, die wir als Teilnehmer an der Ressourcen-ausbeutenden Wirtschaft unternehmen wollen. Die erste ist: "Wie kann ich diese nicht erneuerbaren Ressourcen auf strategische Weise verwenden?" Die zweite ist: "Macht es soviel Spaþ, dass man nicht darauf verzichten kann?" Die zweite Frage ist nur ein Weg, zu verhindern, dass wir uns selbst zu ernst nehmen.
RJ: Was ist mit den Leuten, die sagen, es ist wichtig Alternativen zu schaffen, die sich -- soweit das m–glich ist -- auþerhalb des Systems befinden? Sollten die Leute ihre Beteiligung an einer politischen Bewegung opfern, um ein Modell von etwas Anderem zu schaffen?
WJ: Wir brauchen diese guten Beispiele, und die Leute sollten etwas machen, wof¸r sie sich begeistern. Wenn ich Leute ansehe, dann frage ich mich zuerst: "Haben sie sich dem Kampf angeschlossen?" Wenn ja, muss man vorsichtig sein, wie man sie kritisiert, denn wir wissen nicht genug dar¸ber, was langfristig am wirksamsten ist. Wenn jemand ein gutes Beispiel sein m–chte, fein. Aber ich denke, sie sollten es aus eigenem Interesse tun, nicht aus einem edlen Gef¸hl.
RJ: Was ist mit: " Wir m¸ssen mehr Zeit damit verbringen, auf die einzureden, die bereits ¸berzeugt sind?"
WJ: Das soll heiþen, wir m¸ssen die Diskussion vertiefen. Die moderne Umweltbewegung in den USA begann eigentlich 1962, mit Rachel Carson's Silent Spring. Davor ist es beim Umweltschutzgedanken haupts”chlich um die Erhaltung von Wildnis gegangen, mit ein bisschen Augenmerk auf Bodenerosion und Wasserschutz. Mit den Wurzeln in der Bewegung zur Erhaltung der Wildnis, fehlte es dieser Bewegung an den intellektuellen Grundlagen, die notwendig sind, um die Probleme zu verstehen, denen wir als Folge der Konsumgesellschaft gegen¸ber stehen. Heute m¸ssen wir die Vorstellung bek”mpfen, dass die Natur unterworfen oder ignoriert werden muss. In dieser ”lteren Betrachtungsweise wurde die Wildnis als das Heilige angesehen, und wir konnten es uns leisten, andere Teile der Welt zuzulassen, die den menschlichen Bed¸rfnissen und W¸nschen nach Weltlichkeit dienten. Jetzt erkennen wir, dass es diese scharfen Abgrenzungen auf unserem Planeten nicht gibt, und dass die Wildnis in Wirklichkeit eine Erfindung der Zivilisation ist. Wir haben noch nicht genug Zeit gehabt, um die Diskussion zu vertiefen, und diese Vertiefung findet am besten mit langj”hrigen Anh”ngern des Umweltschutzgedankens statt, und nicht mit Leuten, die gerade darauf gekommen sind, dass dieser Planet Probleme hat.
RJ: Was ist mit dem Argument, dass wir die Bewegung ausweiten m¸ssen, damit wir die politische Macht bekommen, mit der wir die Ver”nderungen durchf¸hren k–nnen, die so notwendig sind?
WJ: Ja, aber wenn man die Ideen einer Bewegung zu leicht zug”nglich macht, kann das dazu f¸hren, dass sie bedeutungslos werden. Letztendlich m¸ssen die Argumente Tiefe haben, oder die Leute werden selbstzufrieden ihre Aludosen zum Recyceln in ihren Sportwagen werfen. Auch nur von Recycling zu sprechen, solange die Parkpl”tze ¸berf¸llt sind, ist absurd.
Es gibt auch f¸r die Anh”nger des Umweltschutzgedankens viel zu tun. Zum Beispiel m¸ssen wir besser mit Zahlen werden, um die Wissenschaft und die Statistik zu verstehen. Ich werde diesen Monat 67, und zu meiner Lebenszeit haben die Menschen 97,5 Prozent von allem bisher verbrauchten ÷l verbrannt. Das ist eine wichtige statistische Zahl. Wir m¸ssen uns der Tatsache stellen, dass wir keinen technologischen Ersatz f¸r die hochprozentige Energie finden werden, die vom Gas oder ÷l stammt. Es ist thermodynamisch nicht plausibel. Wir haben uns diese Zahlen und Tatsachen nicht zu Herzen genommen. Daher laufen die Leute herum und sagen leichthin Dinge wie: "Es gibt Alternativen. Wir brauchen nur Sonnenenergie und Windenergie und W”rmeisolierung und dies und das und anderes."
RJ: Was sagen Sie zu jenen, die behaupten, dass es Alternativenergien gibt, die es den Amerikanern erlauben werden, auf dem derzeitigen Niveau weiterzukonsumieren?
WJ: Ich sage, das ist Bl–dsinn. Das ist, wo die Diskussion vertieft werden muss. Nehmen Sie zum Beispiel Solarzellen, und schauen Sie sich die Energie an, die diese ¸ber ihre Lebensdauer hinweg erzeugen werden, und die Energie, die man ben–tigt, um sie zu erzeugen. Das Verh”ltnis ist 4:1 bis 8:1. Oder eine Windmaschine, da ist es dasselbe. W”rmeisolierung ist ziemlich gut, beinahe 100:1. Aber das ist immer noch nicht genug. Man nimmt an, weil angeblich aus der Not immer Kreativit”t kommt, dass wir die Alternative finden werden, wenn die Dinge knapp werden. Ich sage, es gibt einfach keine Alternative zur Wirksamkeit vom hoch energetischem Kohlenstoff aus einer ÷lquelle.
RJ: Glauben Sie, man muss auch auf die Anh”ngern von anderen Bewegungen einreden, zum Beispiel der Antikriegsbewegung oder der Bewegung gegen die Globalisierung der Konzerne?
WJ: Ich denke schon. Es ist klar, dass Krieg und Rassismus, Armut, Sexismus, der wachsende Unterschied zwischen den Reichen und den Armen, alle miteinander zusammenh”ngen. Und wenn wir auf eine Mauer stoþen, stellt sich heraus, diese Mauer ist der Kapitalismus. Wir werden uns dem stellen m¸ssen. Aber die Leute glauben, es ist m–glich, um den Kapitalismus herum zu arbeiten, durch Regulierungen und progressive Gesetzgebung. Aber das wird nicht gehen, und wir m¸ssen das den Leuten bewusst machen.
RJ: Was ist mit dem Argument, dass die reaktion”re Rechte und die Bushregierung so gef”hrlich sind, eine solche Bedrohung f¸r die Welt, dass wir unsere ganze Energie darauf richten sollten, dass Bush die Wahlen 2004 verliert?
WJ: Ich glaube, das ist ziemlich naiv. Die Leute von Bush werden zu den Reichen gehen, die so sehr von den Steuerk¸rzungen profitiert haben, und sagen: "Okay, Leute, gebt uns 10 Prozent." Und sie werden sie bekommen, und das bedeutet Milliarden f¸r ihre Kassen, und sie werden das verwenden, um die Medien zu kaufen und die Diskussion zu kontrollieren. Wer glaubt, dass diese Leute keine Pl”ne haben, wie sie diese Sache am Leben halten k–nnen, versucht nur, sich selbst zu beruhigen.
RJ: Was, wenn die Demokraten eine realistische Chance h”tten, gegen Bush zu gewinnen? W¸rde das f¸r Sie einen Unterschied machen?
WJ: Wenn man sich das Verhalten der Demokraten vor Augen h”lt, die versucht haben, wie die Republikaner zu werden, was f¸r Hinweise gibt es daf¸r, dass sie eine mutige Kehrtwendung machen w¸rden? Ich bin mir sicher, dass sie manches besser machen w¸rden, dass weniger unserer B¸rgerrechte verletzt w¸rden. Aber die Demokraten versuchen nicht, an unserer Abh”ngigkeit von einer Wirtschaft, die Ressourcen ausbeutet, etwas zu ”ndern. Was hat Clinton f¸r uns getan?
Die Demokraten gehen ein bisschen nach links, und die Republikaner gehen ein bisschen nach rechts, aber sie sind beide auf dem falschen Weg. Ich kann mir keine kleine Kurskorrektur vorstellen, die einen groþen Unterschied machen w¸rde.
RJ: Was ist mit dem dritten Slogan: "Wir m¸ssen aufh–ren, den Leute dort entgegen zu kommen, wo sie sind"?
WJ: Wenn man die Leute dort antreffen will, wo sie sind, wird man sie im Supermarkt treffen, wo die Dinge billig sind, und nicht haltbar. Wir versuchen, die Leute auf dem Feld der Wirtschaft anzutreffen. Werden sie es schaffen, ihre Pensionsfonds intakt zu halten? Werden sie mehr Geld haben, damit sie –fter im Restaurant essen k–nnen, und mehr Geschirr aus Keramik kaufen? In diesem Rahmen ist die –kologische Botschaft darauf beschr”nkt, dass wir hoffen, dass die Umweltschutzbeh–rde sich besser daf¸r einsetzt, Wasser- und Luftreinhaltungsregulationen durchzusetzen. Aber die Erde k–nnte mit sauberem Wasser und sauberer Luft und Windkraftgeneratoren immer noch den Bach runter gehen. Wir haben noch nicht ¸ber eine Gesellschaft gesprochen, die, wenn sie so weiter macht, bald vier Planeten brauchen wird, um mit dem Verbrauch Schritt zu halten.
Hier m¸ssen wir uns ziemlich Gedanken machen. Die Landwirtschaft gibt es seit 10.000 Jahren. Wie sahen die ÷kosysteme vor 10.000 Jahren aus, nachdem das Eis sich zur¸ckgezogen hatte? Diese ÷kosysteme recycelten Materialien und funktionierten auf der Basis von nat¸rlichem Licht. Die Menschen haben es noch nicht geschafft, eine Gesellschaft auf diesen Grundlagen aufzubauen. Ist es m–glich, dass es in der ÷konomie der Natur Hinweise darauf gibt, wie eine menschliche Wirtschaft aussehen k–nnte, in der die Erhaltung eine Folge der Produktion ist? Das m¸ssen wir uns genauer anschauen. Am Tag nach dem 11. September habe ich einen Text geschrieben, in dem ich vorschlage, dass George Bush sagen soll: "Meine amerikanischen Mitb¸rger, von diesem Tag an werden wir unseren Fortschritt daran messen, wie unabh”ngig wir von der extraktiven Wirtschaft geworden sind." Ich denke, dass sich viele Leute mit so einer Rede identifizieren k–nnten. Aber wenn sie sich damit identifizieren, m¸ssen sie die Ÿrmel hochkrempeln und sagen: "Was bedeutet das f¸r mich, f¸r uns?" Das w”re nicht, den Leuten dort entgegen zu kommen, wo sie sind. George Bush kommt den Leuten entgegen, wo sie sind.
RJ: Eine m–gliche Schlussfolgerung aus all dem ist, dass, wenn man bedenkt, wo die Kultur und die meisten Leute sind, eine Massenbewegung, die sich f¸r Nachhaltigkeit einsetzt, heute nicht m–glich ist. Ist das Ihre Ansicht?
WJ: Ich will lieber etwas positiver sein. Ein intellektuelles Engagement der Massen zu diesen Themen ist m–glich, und es ist notwendig. Ich weiþ nicht, ob es im Moment m–glich ist. Ich hoffe, dass, wenn die Ressourcen zur¸ckgehen und wir in der Zwickm¸hle sind, und scheinbar nicht darauf vorbereitet, in kleinen Kreisen eine angemessene Vertiefung der Diskussion stattgefunden haben wird, die das Potential hat, sich auf weitere Kreise der Bev–lkerung auszubreiten.
RJ: Haben Sie irgendwelche Vorstellungen dar¸ber, wie man das angehen k–nnte?
WJ: Eine Sache, die man vermeiden sollte, ist, zu abstrakt zu werden, ohne sich mit der Kleinarbeit zu besch”ftigen. Der Kampf, in dem wir uns befinden, kann nicht mit Autoaufklebern gewonnen werden. Wir k–nnen ihn nur ¸ber das –kologische Mosaik des Landes hinweg gewinnen; die Kleinarbeit wird wichtig sein. Mir macht diese Bereitschaft Sorge, mit der die Abstraktionen begeistert aufgenommen werden, ohne dass man sich um die Kleinarbeit k¸mmert.
Hier ist ein Beispiel, das wahrscheinlich wie Jammern klingt; ist es aber nicht. Hier am Land Institute gehen die Leute auf die Felder um Getreide zu z¸chten, Experimente zu machen, Saatgut zu untersuchen, weil wir denken, dass es in einer Zeit von 25 bis 50 Jahren m–glich ist, eine Landwirtschaft aufzubauen, die darauf basiert, wie nat¸rliche ÷kosysteme funktionieren. Das ist die Kleinarbeit. Es gibt aber Leute in der Umweltbewegung, von denen manche meine Freunde sind, die denken, sie sind die Tr”ger der Ver”nderung, und sie schlieþen sich in Netzwerken zusammen, und gehen zu immer weiteren Konferenzen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute so etwas machen -- ich mache so etwas auch -- aber ich bin dagegen, dass eine Organisation wie die unsere marginalisiert wird, weil wir sagen, es wird 25 bis 50 Jahre dauern, bis wir den Bauern etwas zu bieten haben. Meine Frage an fast jede Gruppe ist: "Was kommt dabei materiell heraus?"
Einer der Gr¸nde, warum es uns noch gibt, auch wenn wir an den Rand gedr”ngt werden, ist, dass wir nicht nur einen alternativen Ansatz haben, im Sinne von Kuhn, sondern dass aufgrund dieses Ansatzes Pollen ¸bertragen wird. Mit anderen Worten, ich denke, Werte bestimmen den Genotyp. Ich glaube, dass wir hier sind, weil unser Projekt etwas hat, mit dem sich auf einer grundlegenden Ebene auch die Friends of the Land und andere identifizieren k–nnen.
RJ: Was hat Ihr Institut in der –ffentlichen Politik bewirkt?
WJ: Wir waren in Washington, und sind gegen an Mauern gestoþen. Also weichen wir den Mauern aus. Stattdessen unterst¸tzen wir 19 Studenten im ganzen Land bei Universit”tslehrg”ngen. Sie werden an ihre Universit”t zur¸ckgehen, und wir hoffen, dass der intellektuelle "Virus" des Instituts sich auf diese groþen Universit”ten ¸bertragen wird, und schlieþlich die "Immunsysteme" der Institute durchdringt. Es ist eine Ver”nderung von unten. In diesem Sinne betrachten wir langfristige –ffentliche Maþnahmen. Wir versuchen, die attraktive Alternative f¸r die Zukunft zu entwickeln.
RJ: Was halten Sie von der Bewegung gegen die Globalisierung der Konzerne, insbesondere von der Strategie der Proteste auf der Straþe?
WJ: Wir brauchen die Konfrontation, aber wir brauchen auch die Kleinarbeit. Das Gute an dieser Bewegung ist, dass es ihr klar ist, dass wir alle in einer Art struktureller Unmoralit”t gefangen sind. Das Schlechte ist aber, dass wir dazu neigen, es dabei bewenden zu lassen, als g”be es nichts, was man dagegen tun k–nnte, auþer protestieren, und hoffen dass die Gesamtstruktur sich ”ndert, sodass mein Verhalten besser f¸r die Umwelt sein wird. Straþenproteste -- in Verbindung mit anderen Strategien -- haben in der Vergangenheit Erfolge gehabt, in anderen Bewegungen. Aber ich denke, dass die Umweltschutzbewegung in vielen Dingen komplizierter ist als die Anti-Vietnamkriegsbewegung oder die B¸rgerrechtsbewegung. Wir m¸ssen uns mit dem Aspekt der Natur des Menschen auseinandersetzen, der Dinge haben m–chte, der Bequemlichkeit und Sicherheit haben m–chte. Ich glaube, eine Zeitlang waren wir naiv und haben geglaubt, diese Probleme w”ren leicht zu l–sen.
Das ist ein Gebiet wo ich denke, wir m¸ssen uns hinsetzen und etwas mehr dar¸ber nachdenken. Was hat funktioniert? Werfen wir einen Blick auf Landwirtschaftsgemeinschaften. Ich bin sehr daf¸r, aber sie haben nicht wirklich etwas mit der groþen Mehrheit der 150 Millionen Hektar Ackerland zu tun, von denen ein Groþteil ausgelaugt und chemisch verseucht wird. Landwirtschaftsgemeinschaften sind kleine H–fe, die um die Stadt herum verteilt sind. Ich habe nichts dagegen, dass man so etwas macht, aber wir sollten nicht annehmen, dass das eine Bewegung ist.
Wir m¸ssen sagen: "Schaut, Leute, der Kapitalismus ist von Natur aus destruktiv." Wie kommen wir von da wo wir sind dorthin wo wir sein m¸ssen, ohne zu vergessen, dass wir nicht einfach versuchen k–nnen, dieses Biest zu z”hmen. Wir m¸ssen den Kapitalismus loswerden.
RJ: Was sind die wirksamsten Wege daf¸r, wenn es nicht nur Proteste auf den Straþen sein k–nnen, nicht das Vertrauen in die Demokraten?
WJ: Das ist nicht so einfach. Wir m¸ssen die Aufmerksamkeit auf die Mauer lenken, die der Kapitalismus darstellt, jedes mal, wenn wir auf sie stoþen, und zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht einfach einen Weg finden m¸ssen, um diese Mauer zu ¸berwinden, sondern einen, um sie zu Fall zu bringen. Was aber w”hrend wir von dieser Mauer behindert werden? Es zahlt sich aus, wenn wir Pollen ¸bertragen oder unsere Experimente entwerfen, dass wir das f¸r irgendeinen zuk¸nftigen Bauern machen werden, und nicht f¸r etwas, das heute vom Buchhalter eines Konzerns einfach ¸bernommen werden kann. Wir k–nnten versuchen, bei unseren Z¸chtungen mehrj”hrige Monokulturen zu entwickeln, und die Saatgutkonzerne w”ren gl¸cklich. Unsere Arbeit an mehrj”hrigen Polykulturen bringt die Mauer des Kapitalismus nicht zu Fall, aber solange man hinter dieser Mauer sitzt, kann man versuchen, sich vorzustellen, wie das Leben auf der anderen Seite aussehen k–nnte. Das klingt vielleicht wie ein armseliger und leerer Ersatz f¸r etwas, das die Mauer umreiþen kann. Aber wir k–nnen wenigstens Pl”ne f¸r die andere Seite machen.
RJ: Haben Sie irgendwelche Vorstellungen davon, wie eine Alternative zum Kapitalismus aussehen k–nnte?
WJ: Nur um die Diskussion ins Rollen zu bringen, habe ich die Hypothese aufgestellt, dass es seit der Steinzeit kein einziges technologisches Produkt oder Verfahren gegeben hat, einschlieþlich der Z¸chtung von Nutzpflanzen und Nutztieren, das nicht auf Kosten des Grundkapitals des Planeten gegangen ist. Ich nenne das die "v–llig d¸stere Hypothese". Ich besch”ftige mich damit, nicht weil es unbedingt so sein muss, sondern um den Gedanken aufzuwerfen, dass die Lebensformen vielleicht so gut sind, wie es nur m–glich ist. Ob man jetzt die Zelle betrachtet, das Gewebe, das Organ, das Organsystem oder den Organismus, die Hierarchie hinauf bis zum ÷kosystem und der ÷kosph”re -- auf allen Ebenen in dieser Hierarchie, hat das Leben eine L–sung finden m¸ssen, innerhalb der Beschr”nkungen, die der zweite Hauptsatz der Thermodynamik mit sich bringt. Die Annahme, das wir ein technisches Arrangement finden k–nnen, das besser ist, ist etwas arrogant. Das Leben h”tte es l”ngst gefunden. Warum sollten wir immer nach technischen L–sungen suchen? Ich glaube nicht, das wir genug Zeit damit verbracht haben, die Regeln der ÷konomie der Natur zu studieren; das sind Systeme, die Materialien recyceln und auf der Grundlage von nat¸rlichem Licht funktionieren. Das ist die Art von alternativer ÷konomie, die mich interessiert. Und ich glaube, wenn wir nicht zuerst in der Landwirtschaft Nachhaltigkeit bekommen, wird es ¸berhaupt keine geben. Wir haben ein paar Disziplinen, die hinter der Landwirtschaft stehen, und ihr helfen k–nnen -- ÷kologie, Evolutionsbiologie. Das ist es also, wo meiner Meinung nach die Diskussion beginnen muss.
Robert Jensen ist Gr¸ndungsmitglied des Nowar Collective (www.nowarcollective.com), Professor f¸r Journalismus an der Universit”t von Texas in Austin und Autor von "Writing Dissent: Taking Radical Ideas from the Margins to the Mainstream." Er kann unter der Adresse rjensen@uts.cc.utexas.edu erreicht werden.

[ Übersetzt von: Sophie Fr¸hling | Orginalartikel: "Sustainability And Politics" ]
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