Die Philosophie Kants
von George Monbiot
ZNet 16.09.2003

Europa zertr¸mmerte die Welthandelsgespr”che, aber es hat die arme Welt vielleicht versehentlich dazu gezwungen ihre Macht zu zeigen.
Wenn es einen Nobelpreis f¸r Heuchlerei g”be, w¸rde er dieses Jahr an den europ”ischen Handelsvertreter Pascal Lamy gehen. Vor einer Woche argumentierte er im Wirtschaftsteil des Guardian, dass die Welthandelsorganisation Ñuns dabei hilft von einer Gesetzlosigkeit im Sinne von Hobbes wegzubewegen, und in eine Welt die eher nach [der Vorstellung von] Kant ist ñ vielleicht nicht wirklich [eine Welt] des immer andauernden Friedens, aber zumindest eine, in welcher Handelsvereinbarungen an die Gesetze gebunden sindì. [1]
Am Sonntag versenkte Lamy die Handelsgespr”che indem er sie so behandelte, als w”ren sie, in den Worten von Thomas Hobbes, ìein Krieg eines jeden Mannes gegen einen jeden Mannì, und zerst–re auf diese Weise wahrscheinlich die [Welthandels-]Organisation. Wenn dem so ist k–nnte eine Folge ein Konflikt sein in welchem, wie Hobbes beobachtete, ÑGewalt und Betrug [...] die beiden groþen Tugenden sindì [2]. Die Beziehungen zwischen den L”ndern w¸rden dann in jenen Naturzustand zur¸ckgeworfen werden, den der Philosoph f¸rchtete, in welchem das gemeine und brutale Verhalten der M”chtigen sicherstellt, dass die Leben der Armen von kurzer Dauer sind.
Bei den Gespr”chen in Cancun (in Mexiko) hat Lamy den armen L”ndern ein Angebot gemacht, was sie unm–glich annehmen h”tten k–nnen. Er wollte offensichtlich mit Hilfe eines ÑHandelsabkommensì das ber¸chtigte Multilateral Agreement on Investment (MAI) wieder von den Toten auferstehen lassen. Das war ein Vorschlag, welcher es den Korporationen erlaubt h”tte Regierungen zu zwingen jedes Gesetz zu eliminieren, welches sie dabei hindert Geld zu machen, und welches 1998 von einer weltweiten Revolte niedergeschlagen worden ist. Als Entsch”digung f¸r das Zugest”ndnis der armen L”nder, dass die Korporationen Macht ¸ber ihre Regierungen haben, h”tten die armen L”nder alles zusammengenommen Nichts erhalten. Die Zugest”ndnisse bez¸glich der Agrarsubventionen welche Lamy anbot, liefen auf nichts mehr hinaus, als eine Umschichtung der Zahlungen welche an die europ”ischen Farmer gehen. Sie w¸rden es den Subventionsbaronen Europas weiterhin erlauben ihre k¸nstlich billigen Erzeugnisse in der armen Welt loszuwerden, und so die Leben der Bauern dort zu zerst–ren.
Nat¸rlich ist es so, wie Hobbes wusste, dass Ñwenn andere M”nner nicht ihr Recht aufgeben werden [...] dann gibt es keinen Grund f¸r irgendjemanden auf seines zu verzichten: denn das w¸rde ihn selbst der Ausbeute aussetzen.ì Ein Vertrag, wie er bemerkte, ist Ñdie gegenseitige Ðbergabe von Rechtenì, was ein Mann Ñentweder [macht] wenn irgendein Recht in gegenseitiger Weise auch auf ihn ¸bertragen wird, oder wenn er sich dadurch etwas anderes erhofft.ì [2]. Indem Lamy den armen L”ndern Nichts als Entsch”digung f¸r Alles anbot zwang er sie sich [von den Gespr”chen] zu entfernen.
Er nahm diese Position an, weil er es als seine –ffentliche Aufgabe sieht die Korporationen der Europ”ischen Union und die Industrie-Farmer gegen alle zu verteidigen, sei es gegen die B¸rgerInnen Europas oder die Menschen von anderen L”ndern. Er stellt sich vor, dass gem”þ den Gesetzen der Natur welche bisher die Welthandelsorganisation regiert haben, die armen L”nder gezwungen werden w¸rden zu kapitulieren, und den Korporationen das bisschen welches nicht bereits schon von ihnen gestohlen worden ist zu ¸berreichen. Er blieb auch bei dieser Position als es schon klar wurde, dass die armen L”nder zum ersten Mal bereit waren eine kollektive Antwort auf die Aggression zu mobilisieren ñ wie es der Naturzustand verlangt.
Ich betone Die Achtung welche Pascal Lamy vor der bewahrten Philosophie Kants vorgibt, weil er alles was er getan hat in unserem Namen getan hat. Das Vereinigte K–nigreich und die anderen europ”ischen L”nder verhandeln nicht direkt mit der Welthandelsorganisation, aber durch die europ”ische Union. Er ist daher unser Repr”sentant, von welchem erwartet wird, dass er unsere Interessen vertritt. Aber es ist schwierig irgendjemanden in Europa zu finden, welcher nicht von den groþen Korporationen angestellt oder jenen verpflichtet ist, und Lamys Verhandlungsposition entweder als w¸nschenswert oder als gerecht betrachtet.
Mehrere europ”ische Regierungen haben sich mit der Zeit von seiner Position distanziert, da sie merkten, dass jene die Gespr”che und die Handelsorganisation an sich gef”hrdeten. Zur Ðberraschung vieler Menschen war auch Groþbritannien unter jenen. Obwohl Pascal Lamy keinesfalls der einzige m”chtige Mann in Europa ist, welcher mit den Rechten der Korporationen besessen ist, scheint sein Verhalten die gespenstischsten Schreckgeschichten von Illustrierten ¸ber auþer Kontrolle geratene Eurokraten zu best”tigen.
Aber w”hrend dieser Mann einen andauernden Schaden an Europas globalem Ansehen angerichtet hat, ist es ihm m–glicherweise nicht gelungen die Hoffnungen der ”rmeren L”nder zu zerst–ren. Denn etwas anderes scheint sich nun selbst zu erwecken. Zum ersten Mal in 20 Jahren beginnen die Entwicklungsl”nder sich zu vereinen und sich wie ein K–rper zu bewegen.
Dass sie das fr¸her nicht getan haben ist an erster Stelle ein Beweis f¸r die zerst–rerischen Auswirkungen des Kalten Krieges, und weiters f¸r die weiterhin bestehende Macht der reichen und m”chtigen L”nder die Armen zu bestehen, sie zu erpressen und einzusch¸chtern. Immer wenn es eine Aussicht auf Solidarit”t unter den Schwachen gegeben hat haben die Starken, insbesondere die USA, sie erfolgreich geteilt und beherrscht, indem sie jenen Zugest”ndnissen versprachen, welche sich abspalteten, und denjenigen mit Sanktionen drohten, die blieben. Aber jetzt sind die Reichen ein Opfer ihrer eigenen Macht geworden.
Seit ihrer Gr¸ndung haben sie versucht so viele Entwicklungsl”nder wie m–glich in die Welthandelsorganisation zu f¸hren, um ihre M”rkte zu –ffnen und sie zu zwingen unter erdr¸ckenden Bedingungen Handel zu betreiben. Aber indem sie das getan haben, waren jene ihnen pl–tzlich zahlenm”þig ¸berlegen.
Die EU und die USA haben ihre Bem¸hungen China zum Beitritt zu bewegen bereits bereut. Dieses Land ist nun der Felsen geworden ñ zu groþ um es einzusch¸chtern und ihm zu drohen ñ um welchen die ungebundenen L”nder sich anh”ufen. Widerspr¸chlicher Weise war der Grund warum die kleineren L”nder nicht von dieser neuen Koalition weggezerrt werden konnten gerade die Unversch”mtheit der Forderungen welche von Lamy und (in einem geringeren Ausmaþ) der USA gestellt worden sind. Was auch immer die USA ihnen als Verlockungen und Drohungen anbot, hatten sie doch einfach viel zu viel zu verlieren, wenn sie es zulieþen, dass die vorgeschlagenen Vertr”ge des reichen Blocks angenommen w¸rden.
Diese Solidarit”t an sich gibt ihnen bereits Kraft. Bei Cancun konfrontierten die schwachen L”nder die m”chtigsten Handelsvertreter auf der Welt, und wurden nicht gebrochen. Die Lektion welche sie nach Hause bringen werden ist, dass wenn dies m–glich ist, alles m–glich ist. Pl–tzlich beginnen die Vorschl”ge f¸r globale Gerechtigkeit welche f¸r ihre Durchf¸hrung auf Solidarit”t bauten lebendig zu werden. W”hrend die WTO vielleicht begraben worden ist, k–nnten diese L”nder vielleicht, wenn sie ihre gemeinsame Macht intelligent benutzen, trotzdem eine M–glichkeit finden gemeinsam zu verhandeln. Sie k–nnten es sogar als jene demokratische Organisation wieder ausgraben, welche es immer h”tte sein sollen.
Die Weltbank und der Internationale W”hrungsfond sollten nun lieber vorsichtig sein. Der UNO Sicherheitsrat wird sehen, dass seine abnormalen M”chte immer schwieriger aufrecht zu erhalten sind. Die armen L”nder k–nnen, wenn sie zusammen bleiben, damit beginnen eine kollektive Bedrohung f¸r die Reichen zu werden. Daf¸r brauchen sie ein Druckmittel, und in der Gestalt ihrer Schulden, besitzen sie dies. Zusammen schulden sie so viel, dass sie effektiv das Finanzsystem der Welt besitzen. Indem sie mit kollektiver Entwertung drohen k–nnen sie jene Art von Macht aus¸ben, welche bisher nur die Reichen ausge¸bt haben, und daf¸r dass sie diese Macht nicht aus¸ben Zugest”ndnisse fordern.
Also k–nnte Pascal Lamy, Ñunserì Vertreter, versehentlich eine bessere Welt entworfen haben, indem er so verbissen f¸r eine schlechtere gek”mpft hat.
Das ist der letzte Artikel von George Monbiots Serie ¸ber den Handel. www.monbiot.com
Referenzen:
1. Pascal Lamy, 8. September 2003. Kommentar im Guardian.
2. Thomas Hobbes, 1651, Leviathan.
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George Monbiots Buch ìUnited People ñ Manifest f¸r eine neue Weltordnungì wird nun herausgegeben.

[ Übersetzt von: Matthias | Orginalartikel: "The Philosophy of Cant" ]
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